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Kranzniederlegung zum 72. Jahrestag der Befreiung (08. 05. 2017)

Auszug aus der Rede der Bürgermeisterin Annett Jura

zum 72. Jahrestag der Befreiung

am 08.05.2017, Kriegsgräberstätte Wittenberger Straße (Grahlplatz) in Perleberg

 


 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Bürgerinnen und Bürger,

 

heute ist Montag. Der erste Tag einer neuen Woche, die für viele von uns zugleich eine neue Arbeitswoche ist. Und doch ist diese 19. Kalenderwoche des Jahres 2017 eine ganz besondere Woche. Sie beginnt mit einem Gedenktag. Dass machen Sie, die sie unserer Einladung zur heutigen Gedenkveranstaltung gefolgt sind, deutlich.

 

In Deutschland begehen wir am 8. Mai den Tag der Befreiung.

 

Während in den ersten Jahren nach dem Kriegsende 1945 die Kapitulation und die Niederlage im Vordergrund standen, ist insbesondere seit der Rede Richard von Weizäckers im Jahr 1985 der Grundtenor der Erinnerungskultur, dass es sich bei dem 08. Mai um einen Tag der Erinnerung handelt, an welchem wir der Befreiung von Krieg und von der NS-Diktatur gedenken.

 

Wir gedenken heute aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

 

Wir gedenken der 6 Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ihr Leben verloren.

 

Und wir gedenken allen Völkern, die im Krieg Unmenschliches erleiden mussten.

 

Ich weiß, dass unsere russischen Gäste, den 08. Mai als einen Feiertag ansehen und das ist meines Erachtens auch in Ordnung. Jedes Land hat seine Geschichte und seine eigene Gedenkkultur. Wenn man es genau nimmt, historisch eingeordnet, haben die Alliierten eben nicht Krieg gegen das Deutsche Reich geführt, um es zu befreien, sondern um es militärisch zu besiegen. Insofern ist der Ansatz eines siegreichen Kampfes der Roten Armee nachvollziehbar und muss von uns Deutschen akzeptiert werden.

 

Ich bin sehr froh, dass wir trotz dieses Unterschiedes unsere Gedenkveranstaltung auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit einer russischen Delegation gestalten. Stellvertretend für unsere russischen Gäste daher ein herzliches Willkommen Herrn Pogosjan.

 

Vor wenigen Tagen konnte man der Presse folgende Meldung entnehmen: „Fotos von KZ-Aufseherinnen nachcoloriert – Die kalten Gesichter der Todesengel von Bergen-Belsen.“

 

Die Schlagzeile war gut gewählt. Es sind tatsächlich kalte Augen, in die man blickt, wenn man sich die Fotos anschaut. Mir lief es kalt den Rücken herunter. Ich dachte, diese Frauen waren also dabei. Das Böse hatte ein Gesicht bekommen. Schwarz-weiß Fotos kennt man. Hiervon habe auch ich schon einige gesehen, aber die Farbe der Fotos erweckte in mir den Eindruck, als wären sie erst gestern gemacht worden. Irgendwie war die Grausamkeit des Zweiten Weltkrieges für mich auf einmal so unglaublich nah und nicht nur ein Stück Geschichte von dem mir meine Großeltern einst berichtet hatten.

Sofort stand für mich fest, dass ich bei der diesjährigen Gedenkrede die Frauen in den Mittelpunkt stellen werde. Hatte ich mich - als Frau - doch schon immer gefragt, wie konnten die Frauen da nur mitmachen. Wie konnten sie ihm – Adolf Hitler - folgen?

 

Wenn ich mir Dokumentationen anschaue und dort Hitler reden höre, dann zieht er mich nicht in seinen Bann. Mag sein, dass es damit zusammenhängt, dass Hitler in meinen Augen kein besonders attraktiver Mann war. Uns Frauen sagt man ja nach, wir würden gerade bei Politikern immer nach dem Äußeren gehen. Deshalb hätten besonders attraktive Politiker bei uns größere Chancen gewählt zu werden.

 

Ich denke nicht, dass es sich so verhält. Überzeugen können Politikerinnen und Politiker gleichermaßen durch die Kunst des Wortes, die Kunst der Sprache. Die Nationalsozialisten hatten ihre eigene Sprache, mit der sie dem Volk ihre rassistische, nationalistische Weltanschauung erklärten. Vermutlich ist das die Antwort, auf die Frage: Wie konnte es Hitler gelingen, die Massen zu begeistern und so zu einem erfolgreichen Redner zu werden? Er hatte eine Sprache gefunden, die auf Begeisterung stieß und dies gleichermaßen bei Frauen und Männern.

 

Ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber ich denke bei den Themen Krieg und Gewalt zuerst an Männer. Irgendwie ist Krieg für mich immer männlich.

  • Männer in Uniformen

  • Männer als Kriegsplaner und Kriegsführer

  • Männer als Soldaten

  • Männer als Gefangene

 

Aber was ist mit den Frauen?

Wo sind die Frauen, wenn Männer Kriege führen?

Wo waren die Frauen im 2. Weltkrieg?

Waren Sie nur Geliebte, Mutter und Hausfrau, das Heimchen am Herd, ohne Wissen darüber, was ihr Mann tagsüber so machte?

 

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Prignitz: Gedenken an die Opfer des zweiten Weltkrieges

Herausgeber: Prignitz Online TV, veröffentlicht 09.05.2017


Fotos: Stadt Perleberg 2017


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